Service-Navigation

Suchfunktion

Albert Basler, Landwirtschaftsamt Biberach

Wo bleibt die Zeit im Kuhstall?

Arbeitszeitbedarf ausgewählter Milchviehbetriebe

Wachstum in der Landwirtschaft ist ein Sachzwang. Wer dabei bleiben will, kann keine Runde aussetzen. Mit dem betrieblichen Wachstum tun sich Milchviehhalter jedoch zunehmend schwerer. Die entwicklungshemmenden Rahmenbedingungen haben sich verdichtet. Vorne mit dabei: die frisch gestylte Milchquotenregelung, gefolgt von den pachtpreistreibenden Flächenförderungen. Nicht weniger problematisch ist die immer größere Lücke zwischen den notwendigen Wachstumsschritten und der damit verbundenen Arbeitsbelastung. Umgerechnet auf gängiges Tarifrecht müßten viele Betriebe mehr als zwei Arbeitskräfte für den Stalleinsatz parat haben. Das Problem kennt nur zwei Lösungen: entweder Arbeitsleistung (international) „einkaufen“ oder Arbeitszeit einsparen. Letzteres setzt voraus, daß in der Milchviehhaltung noch Rationalisierungspotenzial steckt. Interessant ist also der tatsächliche Arbeitszeitbedarf der Betriebe in der Praxis. Der Autor hat die Arbeitszeit im Stall von 17 Milchviehbetrieben im Landkreis Biberach ausgewertet.

Tabelle 1: Betriebliche Ausstattung

 

 

 

 

 

 

Stallart

Melken

Kälbertränke

Fütterung

 

 

 

 

 

Laufstall

14

 

 

 

Anbindestall

3

 

 

 

 

 

 

 

 

Rohrmelkanlage

 

3

 

 

2x3 FG

 

1

 

 

2x5 FG

 

4

 

 

2x6 FG

 

3

 

 

2x6 SbS

 

1

 

 

2x8 SbS

 

1

 

 

16-er Kar.

 

1

 

 

2x3 T/AT

 

3

 

 

 

 

 

 

 

Kälbertränkeautomat

 

 

7

 

Eimertränke

 

 

10

 

 

 

 

 

 

Futtermischwagen

 

 

 

9

 

 

 

 

Überwiegend Laufstallbetriebe

Tabelle 1 zeigt die betrieblichen Ausstattungen in der Übersicht. Es überwiegen die Laufstallbetriebe, dadurch ergibt sich eine interessante Auswahl an Melkstandtypen und Melkstandgrößen. Die Herdengrößen lagen zwischen 25 und 100 Kühen. Im Durchschnitt wurden 54 Kühe, 18,6 Kälber und 51 weibliche Jungtiere gehalten.

Wo steckt die Zeit?

In Tabelle 2 sind die durchschnittlichen Arbeitsstunden für die Bereiche Kühe, Kälber und Jungvieh zusammengefasst.

Tabelle 2: Arbeitsverteilung

 

 

 

 

 

 

 

 

Platz und Jahr

 

Betrieb

 

 

 

Akh

%

Akh

%

Kühe

 

 

 

 

 

54,2

Füttern

10,7

26

 

 

 

Misten, streuen

3,4

8,3

 

 

 

Melken

23,5

57,2

 

 

 

Klauen

2

4,9

 

 

 

Sonstiges

1,5

3,6

 

 

 

Summe

41,1

100

2228

61

 

 

 

 

 

 

Kälber

 

 

 

 

 

18,6

Tränken, füttern

19

65,7

 

 

 

Sonstiges

9,9

34,3

 

 

 

Summe

28,9

100

538

15

 

 

 

 

 

 

Jungvieh

 

 

 

 

 

50,9

Füttern

7,9

69,3

 

 

 

Sonstiges

3,5

30,7

 

 

 

Summe

11,4

100

580

16

 

 

 

 

 

 

Allgemeines

Summe

 

 

305

8,4

 

 

 

 

 

 

Summe

 

 

 

3651

100

 

 

 

 

 

Die Ergebnisse wurden auf Jahresstunden je Platz (also nicht je erzeugtes Tier!) umgerechnet. Im Durchschnitt verbrachte der Betriebsleiter 41,1 Akh an der Kuh. Davon entfallen 57,2 % auf die Melkarbeit. Melken ist also „Zeitfresser Nummer eins“. Die Fütterung beansprucht immerhin noch ein gutes Viertel der Zeit. Für die Boxen- und Laufgangpflege (misten, streuen) investieren die Betriebe etwa 8 % ihrer Arbeitszeit. Über Dungschieber bzw. mobile Räumgeräte und Einstreugeräte könnte hier eine deutliche Arbeitsreduzierung und Arbeitserleichterung erreicht werden.

Stattliche 5 % entfallen auf die Klauenpflege – dieser Wert ist m.E. sogar noch unterschätzt, insbesondere in Herden mit hoher Milchleistung.

Ein überraschendes Ergebnis lieferte der Kälberstall: der Kälberplatz schlägt mit 28,9 Akh je Jahr zu Buche! Davon entfallen 65,7 % auf die Bereiche Tränken und Füttern. Demgegenüber steht ein eher bescheidener Arbeitszeitbedarf der Jungrinder. Gerademal 11,4 Stunden je Platz und Jahr werden der Jungviehaufzucht gewidmet.

Große Schwankungen

Die Streuung der Werte ist enorm: von 25,2 bis 67,5 Akh je Kuh und Jahr schwanken die Angaben der Betriebsleiter. Wie erwartet nimmt der Zeitbedarf je Kuh mit steigender Bestandsgröße – zumindest in der Tendenz - ab. Interessant ist auch der Vergleich zwischen den Stallsystemen: kleine Laufställe unter 40 Kühen bringen selten eine arbeitswirtschaftliche Verbesserung gegenüber einem Anbindestall moderner Prägung. Bei den Kälbern ist die Spanne noch deutlicher. Von 5,4 bis etwa 45 Arbeitsstunden je Platz und Jahr benötigt die „Kinderstube“ im Stall. Eines kam ganz deutlich heraus: beim Einsatz eines Tränkeautomaten wird gewaltig Zeit gespart. In 7 Betrieben tränkte die Maschine. Der Arbeitsbedarf ging von 34,7 auf 14,8 Akh je Platz und Jahr zurück. Ein eindeutiges Ergebnis.

Vollgas beim Melken

Die Melkarbeit macht fast 60 % der Gesamtarbeitszeit aus. Alle Rationalisierungsüberlegungen müssen hier ansetzen. Tabelle 3 gibt einen Überblick über die Leistung beim Melken.

Tabelle 3: Wer milkt schneller?

 

 

 

 

Melkarbeitszeit

 

 

Betriebe

Kuh u. Jahr

von .... bis

Rohrmelkanlage

3

33,4

24...46,7

2x3 FG

1

27

 

2x5 FG

4

22,5

16,2...36,6

2x6 FG

3

20,9

15,8...26,2

2x6 SbS

1

20,3

 

2x8 SbS

1

27,4

 

16-er Kar.

1

12,8

 

2x3 Tandem

1

26,5

 

2x3 Autotandem

2

18,3

17,6...18,7

FG= Fischgrätenmelkstand, SbS = Side by Side, T/AT= Tandem/Autotandem

Der Arbeitszeitbedarf beim Melken wurde in Akh je Kuh und Jahr ausgewiesen. Die Werte streuen von 12,8 bis 33,4 Akh. Bezogen auf einen 50-Kuh-Betrieb ergäbe sich allein schon eine Jahresarbeitszeitdifferenz von 1030 Stunden. Am wenigsten Zeit braucht die Melkerei im Karusell. Danach kommt der Autotandem bzw. die großen Gruppenmelkstände. Zwischen den vergleichbaren Fischgräten- und Side by Side – Melkständen wurde kein Unterschied festgestellt. Die Auswertung bestätigt die Vermutung, daß ein ungesteuerter Tandemmelkstand keine gute Lösung ist. Auffallend ist auch, daß beim Vergleich der Gruppenmelkstände (FG, SbS) untereinander, der Zeitaufwand je Kuh mit zunehmender Standgröße nur abnimmt, bis die Auslastung einer ganzen Arbeitskraft erreicht ist. So steigt der Wert beim 2x8-er Side by Side gegenüber dem kleineren 2x6-er wieder an, weil sich 2 Personen die Melkarbeit teilen. Dabei ist eine Person schwach ausgelastet. Fazit: die Auslastung aller am Melken beteiligten Personen ist entscheidend. Ein 2x6-er mit Abnahme ist rationeller als ein 2x4-er. Arbeitswirtschaftlich günstig (zumindest je Kuh) wären dann Betriebsentwicklungsschritte in 2x6-er-Einheiten. Ein weiterer Punkt kam bei der Ergebnisdiskussion ganz klar zum Ausdruck: beim Melkstandzutrieb sollten keine Kompromisse gemacht werden. Der Idealfall ist ein vom Liegebereich getrennter Warteraum mit der Möglichkeit zum automatischen Zutrieb. In unseren europäischen Nachbarländern wird dies weitaus häufiger realisiert als bei uns.

Wieviel Zeit braucht die Fütterung?

Der Technikeinsatz bei der Fütterung wurde in 2 Gruppen eingeteilt: mit und ohne Futtermischwagen. Die Ergebnisse sind in Tabelle 4 dargestellt.

Tabelle 4: Wer füttert schneller?

 

 

 

 

 

Technik

Betriebe

Akh je Kuh

von....bis

 

 

und Jahr

 

 

 

 

 

Mischwagen

9

9,1

4,1...16,3

Andere

8

10,9

5,4...19,4

 

 

 

Auf den ersten Blick fallen wieder die großen Schwankungen auf. Das Durchschnittsergebnis bei den Mischwagenbetrieben entspricht eigentlich nicht der Erwartung. In Betrieben mit mehreren Futtermischungen kann der Arbeitszeitbedarf schnell ansteigen, vor allem wenn viele Komponenten eingemischt werden müssen. Mit dem Mischwagen muss deshalb die mechanisierte Komponentenübergabe eingeführt werden. Dazu eignen sich Außensilos mit Schneckenentnahme oder Schüttboxen mit Frontlader oder Schaufelladerentnahme. Bei der Befüllung des Mischwagens haben Schneidzangen- bzw. –schaufeln eindeutige Vorteile: schnellere Befüllung, strukturschonender und bessere Selektionsmöglichkeiten im Silo.

Fazit
  • Der Arbeitszeitbedarf je Kuh schwankt erheblich. Im vorliegenden Fall zwischen 25 und knapp 70 Stunden.
  • Die meiste Zeit verlangt die Melkarbeit. Hier sind die Arbeitskräfte voll auszulasten. Der Einsatz einer Abnahmetechnik ist sinnvoll. Das Melkkarussell ist für größere Betriebe eine interessante Alternative.
  • In der Kälberaufzucht wird der Zeitbedarf durch den Tränkeautomat halbiert.
  • Bei der Fütterung sollte mehr Wert auf die Mechanisierung der Komponentenbeschickung von Futtermischwagen gelegt werden.
  • Der Mehrarbeitsbedarf bei steigender Milchleistung wird vermutlich unterschätzt, vor allem bei der Klauenpflege.
  • Die Mechanisierung der Boxen- und Laufgangpflege brächte eine deutliche Arbeitsentlastung.

Fußleiste